Das Glück, das niemand gesehen hat
Ein Sommer in der Provence, eine Hochzeit, lange Abende — und fast kein Foto davon im Netz. Warum das Leben plötzlich größer wird, wenn man aufhört, es ständig zu veröffentlichen.

Diesen Sommer war ich wieder in der Provence. Wochenlang. Sonne, alte Steinhäuser, kleine französische Dörfer, Essen unter freiem Himmel, Freunde, Familie, lange Abende, wunderschöne Landschaften. Und ich habe dort geheiratet. Es war, wenn man es mit dem Vokabular unserer Zeit sagen möchte, geradezu absurd instagrammable.
Ich hätte daraus vermutlich Content für Monate machen können. Vor einigen Jahren hätte ich das wahrscheinlich auch getan: fotografiert, gefilmt, ausgewählt, aussortiert, bearbeitet, formuliert und irgendwann veröffentlicht. Wahrscheinlich hätte ich bereits während eines schönen Abends darüber nachgedacht, welches Bild später am besten funktioniert. Vielleicht hätte ich beim Essen kurz gebeten, noch nicht anzufangen, weil der Tisch gerade so hübsch aussah. Vielleicht wäre beim Sonnenuntergang nicht nur die Frage durch meinen Kopf gegangen, wie schön er ist, sondern auch, ob das Licht für ein Foto reicht. Und anschließend hätte ich nachgeschaut, wie das Ganze ankommt.
Heute tue ich das nicht mehr. Und je länger ich ohne Social Media lebe, desto stärker merke ich: Ich habe damit weit mehr zurückgewonnen als die Zeit, die früher für Instagram und Co. draufging. Ich habe mein Erleben zurückbekommen.
WENN IM KOPF STÄNDIG EIN UNSICHTBARES PUBLIKUM SITZT
Das eigentliche Problem an Social Media beginnt nicht beim Scrollen. Es beginnt häufig schon Stunden vorher. Wer lange genug auf Plattformen unterwegs ist, entwickelt irgendwann eine Art zweiten Blick auf das eigene Leben. Neben dem unmittelbaren Erleben läuft im Hintergrund immer noch eine weitere Frage mit: Kann man daraus etwas machen? Ein Essen ist dann nicht nur ein Essen. Eine Reise nicht nur eine Reise. Eine Bühne nicht nur eine Bühne. Ein Kleid nicht nur ein Kleid. Ein schöner Moment besitzt zusätzlich einen möglichen medialen Wert.
- Wie könnte ich das fotografieren?
- Was könnte ich dazu schreiben?
- Ist das interessant genug?
- Passt das zu meinem Profil?
- Zeige ich zu viel? Zeige ich zu wenig?
Und plötzlich sitzt bei einem Abend mit Freunden ein unsichtbares Publikum mit am Tisch. Es sagt nichts. Es ist gar nicht wirklich da. Trotzdem beeinflusst es den Blick auf das, was gerade passiert. Vielleicht ist das eine der subtilsten Veränderungen, die Social Media mit uns gemacht hat: Wir erleben unser Leben zunehmend gleichzeitig von innen und von außen. Wir sind da — und beobachten uns dabei, wie wir da sind.
VOM ERLEBEN ZUM PRODUZIEREN
Auf den ersten Blick wirkt ein Social-Media-Post harmlos: Man macht eben ein Foto und lädt es hoch. Wer das einige Jahre intensiv betrieben hat, weiß allerdings, dass die Realität meistens anders aussieht. Zunächst braucht man das richtige Bild. Also macht man fünf. Oder zwanzig. Oder fünfzig. Dann wird ausgewählt, zugeschnitten, bearbeitet. Dann kommt die Frage nach dem Text: Locker? Lustig? Persönlich? Klug? Nicht zu bemüht? Vielleicht Musik dazu, vielleicht doch lieber eine Story. Dann wird veröffentlicht. Und danach beginnt die Erfolgskontrolle: Wer hat reagiert, wie viele, warum läuft dieser Beitrag schlechter als der letzte, warum funktioniert irgendein vollkommen banaler Beitrag eines anderen Menschen zehnmal besser, sollte ich noch etwas posten, müsste ich auf die Kommentare antworten? Aus einem schönen Moment entsteht plötzlich ein kleines Medienprojekt.
Und vielleicht wäre das alles halb so bemerkenswert, wenn wir dafür einen relevanten Gegenwert bekämen. Wer beruflich Inhalte produziert, Reichweite verkauft oder als Influencer arbeitet, führt damit ein Geschäft; dort lässt sich die investierte Zeit zumindest wirtschaftlich erklären. Für sehr viele andere Menschen besteht der Ertrag allerdings aus etwas wesentlich Flüchtigerem: Aufmerksamkeit. Ein paar Herzchen. Ein bisschen Zustimmung. Das angenehme Gefühl, gesehen worden zu sein. Und genau dafür investieren wir Stunden unserer kostbaren Lebenszeit. Wie zuverlässig dieses Belohnungssystem funktioniert, beschreibe ich in „Was ist eigentlich dieses Dopamin".
DIE ERSTAUNLICHE FREIHEIT, NIEMANDEM ETWAS ZEIGEN ZU MÜSSEN
Seit ich Social Media verlassen habe, ist eine Frage fast vollständig aus meinem Alltag verschwunden: Soll ich das posten? Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Ich muss keinen Vortrag dokumentieren, damit er stattgefunden hat. Ich muss keinen wunderschönen Ort veröffentlichen, damit ich dort gewesen bin. Ich muss niemandem zeigen, wie mein Essen aussieht. Ich muss aus einem Urlaub keine öffentliche Erzählung bauen. Ich muss keinen Beweis liefern, dass ich gerade ein schönes Leben habe.
Es ist erstaunlich entspannend, wenn Erlebnisse wieder einfach das sein dürfen, was sie ursprünglich einmal waren: Erlebnisse. Man sitzt irgendwo, unterhält sich, isst, trinkt, lacht, schaut, hört zu. Und niemand denkt darüber nach, wie die Szene später für andere aussehen könnte. Diese Freiheit merkt man häufig erst, wenn man sie eine Weile wieder hat.
KEIN FOTO. UND TROTZDEM PASSIERT.
In diesem Sommer gab es einige Abende, bei denen mir erst später auffiel, dass ich überhaupt kein Foto gemacht hatte. Früher hätte ich das wahrscheinlich schade gefunden. Heute denke ich oft: Wie großartig. Denn offenbar war ich so beschäftigt mit den Menschen, dem Gespräch und dem Abend, dass mir der Gedanke gar nicht kam, mein Telefon herauszuholen. Vielleicht ist ein fehlendes Foto manchmal gar kein Versäumnis, sondern ein Zeichen für Anwesenheit.
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, unser Leben zu dokumentieren, dass sich ein Erlebnis beinahe unvollständig anfühlen kann, wenn keine Bilder davon existieren. Aber natürlich ist ein Moment nicht weniger real, nur weil er nicht fotografiert wurde. Ein Gespräch hat stattgefunden, obwohl es niemand gefilmt hat. Wir haben gelacht, obwohl davon keine Story existiert. Wir haben jemanden umarmt, obwohl kein Foto davon in irgendeiner Cloud liegt. Das Leben braucht keinen digitalen Beweis — auch wenn wir gesellschaftlich gerade in die entgegengesetzte Richtung laufen, wie ich in „Die neue digitale Beweispflicht" beschreibe.
WARUM FOTOS PLÖTZLICH WIEDER ETWAS ANDERES BEDEUTEN
Ich habe natürlich trotzdem fotografiert. Ich mag Fotos. Sehr sogar. Der Unterschied liegt inzwischen darin, was anschließend mit ihnen passiert: Die meisten bleiben auf meinem Telefon. Einige schicke ich Freunden oder Familie. Manche schaue ich Monate später wieder an. Und viele verschwinden wahrscheinlich irgendwann zwischen Tausenden anderen Bildern. Auch das ist völlig in Ordnung. Denn damit haben Fotos wieder ihre ursprüngliche Funktion bekommen: Sie sind Erinnerungen, keine Veröffentlichungsprojekte.
Früher war nach einem Foto häufig noch etwas zu tun. Heute ist danach einfach Schluss. Foto gemacht. Telefon weg. Weiterleben. Klingt banal. Fühlt sich erstaunlich luxuriös an.
PRIVAT IST KEIN DEFIZIT
Vielleicht haben wir uns in den vergangenen Jahren an eine merkwürdige Vorstellung gewöhnt: Wenn etwas schön, lustig, außergewöhnlich oder wichtig ist, sollte es geteilt werden. Warum eigentlich? Warum muss ein Restaurantbesuch öffentlich sein? Warum eine Reise, ein Geburtstag, ein neuer Job, ein Geschenk, ein Nachmittag mit Freunden? Warum unser Glück? Es gab einmal eine Zeit, in der das Wort „privat" vollkommen selbstverständlich war. Heute klingt es manchmal fast nach Informationslücke: Warum hast du davon gar nichts gepostet? Als hätte etwas erst dann vollständig stattgefunden, wenn andere Menschen davon erfahren haben.
Dabei kann genau das Gegenteil unglaublich wertvoll sein. Etwas gehört nur den Menschen, die dabei waren. Ein Abend verschwindet wieder in der Erinnerung. Ein Gespräch bleibt im Raum, in dem es geführt wurde. Ein glücklicher Moment wird nicht nachträglich in eine kleine öffentliche Performance verwandelt. Das hat etwas Intimes. Und etwas sehr Menschliches.
WENN DAS EIGENE LEBEN KEIN SCHAUFENSTER MEHR SEIN MUSS
Social Media lebt davon, dass wir uns zeigen. Also zeigen wir — natürlich kuratiert. Kaum jemand veröffentlicht sein Leben so, wie es tatsächlich aussieht. Wir wählen Momente aus, stellen Zusammenhänge her, schaffen eine Geschichte über uns selbst. Das kann kreativ sein, das kann Spaß machen. Es kann aber auch irgendwann dazu führen, dass das eigene Leben einem Schaufenster ähnelt, das permanent dekoriert werden muss: Was stelle ich hinein? Wie sieht es von außen aus? Ist es attraktiv genug? Schauen genügend Menschen hin? Und irgendwann arbeitet man unbemerkt an seiner Außenwirkung, obwohl man eigentlich gerade Freizeit hat.
Vielleicht erklärt das auch, warum der Ausstieg aus Social Media für viele Menschen zunächst so ungewohnt ist. Plötzlich gibt es niemanden mehr, dem man etwas zeigen muss: kein Feed, kein Publikum, keine Likes, kein Algorithmus. Nur einen selbst. Das kann sich am Anfang fast leer anfühlen. Und dann irgendwann unglaublich voll. Wie sich diese ersten Wochen konkret anfühlen, steht in „Was passiert, wenn du Social Media löschst".
AUFMERKSAMKEIT IST VIELLEICHT DAS WERTVOLLSTE, WAS WIR BESITZEN
Die eigentliche Währung von Social Media war nie Geld. Es ist Aufmerksamkeit. Unsere Aufmerksamkeit. Und sie ist begrenzt. Jede Minute, in der ich einen perfekten Post baue, verbringe ich nicht mit etwas anderem. Jeder Gedanke darüber, wie etwas online wirken könnte, fehlt im Moment selbst. Jedes Nachsehen, ob jemand reagiert hat, unterbricht etwas, das vorher vielleicht gerade ruhig und schön war.
Natürlich besteht das Leben nicht aus ununterbrochen bedeutungsvollen Augenblicken. Niemand muss aus jedem Kaffeetrinken eine Achtsamkeitsübung machen. Aber vielleicht dürfen wir uns zumindest gelegentlich fragen, wofür wir unsere Aufmerksamkeit eigentlich ausgeben. Denn am Ende besteht unser Leben genau daraus: aus den Dingen, denen wir Aufmerksamkeit schenken.
VIELLEICHT WAR DAS DER SCHÖNSTE TEIL DIESES SOMMERS
Ich habe in diesem Sommer viele wunderschöne Dinge erlebt. Ich habe geheiratet. Ich war mit Menschen zusammen, die mir wichtig sind. Ich habe lange Abende draußen verbracht, sehr gut gegessen, zu viel Rosé getrunken, gelacht, geredet, gefeiert und die Provence genossen. Und fast niemand außerhalb dieses Kreises hat etwas davon gesehen. Vor einigen Jahren hätte sich das vielleicht merkwürdig angefühlt. Heute empfinde ich genau darin eine große Freiheit: Ich musste aus diesem Sommer keine Geschichte für andere Menschen machen. Ich durfte ihn einfach haben.
Vielleicht ist das eine der schönsten Erfahrungen nach dem Ausstieg aus Social Media: Dass etwas großartig sein kann, obwohl niemand zusieht.
Dass Glück keinen Feed braucht.
Und dass die Momente, von denen kein Foto existiert, manchmal genau diejenigen sind, in denen wir am meisten da waren.
Genau darum geht es in meinem Buch „QUIT THE FEED! Social Media ist wie Rauchen": nicht um weniger Bildschirmzeit, sondern um die größere Frage, wie sich ein Leben anfühlt, das man nicht mehr veröffentlichen muss. Wer den ersten Schritt konkret gehen will, findet ihn in „Der große Entzug: 5 Stunden, 5 Schritte".
Von Henriette Hochstein-Frädrich · Autorin von Quit the Feed!


