Die neue digitale Beweispflicht: Warum man ohne Social Media plötzlich erklärungsbedürftig und verdächtig ist
Ich wollte eine Pressemitteilung über meinen Social-Media-Ausstieg veröffentlichen — und wurde abgelehnt, weil ich keine Social-Media-Accounts vorweisen konnte. Eine kleine, sehr reale Geschichte über eine Welt, die Abwesenheit nicht mehr einordnen kann.

Manchmal muss man gar nichts mehr satirisch zuspitzen. Man muss nur erzählen, was passiert ist. Ich wollte eine internationale Pressemitteilung über mein Buch über Social-Media-Ausstieg veröffentlichen — und der Pressedienst lehnte mich ab, weil ich keine Social-Media-Accounts vorweisen konnte. Quit the Feed? Sorry, nur mit Social-Media-Account.
Ich wollte einfach nur eine Pressemitteilung verschicken
Es ging um etwas sehr Klassisches: eine internationale Pressemitteilung. Über mein Buch, über meine Plattform, über die Idee hinter Quit the Feed!. Es geht darin um Social-Media-Sucht, digitale Abhängigkeit und die These, dass Social Media das neue Rauchen ist — also genau die Frage, ob wir an einem Punkt angekommen sind, an dem der Ausstieg aus dem Feed so selbstverständlich werden könnte wie früher der Ausstieg aus dem Rauchen.
So weit, so harmlos. Dafür braucht es keine Reels, kein TikTok, kein bedeutungsschweres Aus-dem-Fenster-Schauen mit melancholischem Klaviergeklimper im Hintergrund. Dafür braucht es Presse. Medienlogik. Journalismus. Ansprechpartnerin. Website. Buch. Thema. Fertig.
Ich landete bei EIN Presswire, einem internationalen Press-Release-Dienst. Genau dafür sind solche Dienste ja da. Ich legte einen Account an. Reichte Informationen ein. Mit Klarnamen. Mit Websites. Mit Buch. Mit Plattform. Mit allem, was man so einreicht, wenn man kein anonymer Kryptobro mit KI-Profilbild und „disruptiver Wellness-Blockchain" ist.
Quit the Feed? Erst mal Instagram nachweisen.
Und dann wurde es schön. Oder sagen wir: schön absurd. Denn sinngemäß kam zurück, dass mein Account nicht freigeschaltet werden könne, weil ich keine Social-Media-Accounts habe beziehungsweise diese nicht zur Verifizierung vorlegen kann.
Ich saß davor und musste erst einmal lachen. Dieses kurze, trockene Lachen, das man lacht, wenn die Welt aus Versehen einen Sketch aufführt und niemand außer einem selbst den Witz bemerkt.
Ich wollte eine Pressemitteilung über Social-Media-Ausstieg veröffentlichen. Und der Pressedienst wollte mich über Social Media prüfen.
Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen. Es ist ein bisschen so, als würde eine Suchtklinik sagen: „Bitte bringen Sie zur Anmeldung Ihre Kundenkarte vom Schnapsladen mit." Oder eine Nichtraucher-Kampagne: „Teilnahme nur mit Marlboro-Clubprofil." Oder ein Zuckerfrei-Programm: „Wir verifizieren Ihre Seriosität über Ihren aktiven Haribo-Account." Man kann sich das eigentlich nicht besser ausdenken.
Wenn der Feed zum Ausweis wird
Natürlich kann man sagen: Ach komm, das ist halt deren interner Prozess. Unternehmen müssen prüfen, wer Pressemitteilungen veröffentlicht. Es gibt Fake-Accounts, Spam, Betrug, dubiose Anbieter. Alles richtig. Ich verstehe sogar den Grundgedanken.
Was ich nicht verstehe, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Social Media inzwischen offenbar als Beleg für Echtheit herangezogen wird. Denn genau darin liegt die kleine, feine Absurdität dieses Moments. Es ging ja nicht darum, dass ich anonym bleiben wollte. Kein Pseudonym. Keine Fantasiefirma. Keine Briefkastenadresse auf den Cayman Islands. Es gab Websites, Impressum, Buch, Plattform, Biografie, öffentliche Spuren. Echte Spuren. Nur eben keine Social-Media-Profile.
Und plötzlich merkt man: Das reicht in manchen Systemen nicht mehr. Früher war die Frage: Gibt es diese Person? Heute scheint die Frage häufiger zu sein: Gibt es diese Person im Feed?
Das klingt erst einmal wie eine Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Denn Social Media hat sich über Jahre in eine Art digitalen Personalausweis verwandelt. Niemand hat das offiziell beschlossen. Es gab keine gesellschaftliche Debatte. Kein Gesetz. Kein demokratisches Mandat. Es ist einfach passiert. Erst war Social Media Spielzeug. Dann Kommunikationskanal. Dann Sichtbarkeitstool. Dann Business-Pflicht. Und irgendwann wurde daraus ein Vertrauenssignal.
Wer auf LinkedIn ist, wirkt beruflich real. Wer auf Instagram ist, wirkt kulturell vorhanden. Wer auf X noch herumirrt, wirkt zumindest irgendwie streitlustig lebendig. Und wer nirgends ist? Der muss erklären.
Das ist der eigentliche Witz. Oder besser: das eigentliche Problem. Nicht mehr die permanente digitale Präsenz ist erklärungsbedürftig. Die Abwesenheit ist es.
Die komische Verdächtigkeit der Abwesenheit
Ich kenne diesen Blick inzwischen sehr gut.
„Wie, du bist nicht auf LinkedIn?" — „Gar nicht?" — „Auch nicht passiv?" — „Aber wie machst du dann Business?" — „Wie bleibst du sichtbar?" — „Wie finden dich Leute?" Manchmal klingt es, als hätte ich gesagt, ich wohne in einer Höhle und kommuniziere über Rauchzeichen mit dem Nachbardorf.
Dabei ist es eigentlich ganz simpel: Ich habe irgendwann gemerkt, dass mir diese Plattformen mehr nehmen als geben. Zeit. Fokus. Ruhe. Gedanken. Innere Ordnung. Und ja, auch ein Stück Würde. Diese permanente kleine Selbstversteigerung, dieses dauernde „Hier bin ich, hier denke ich, hier wirke ich, hier esse ich, hier bin ich wichtig" — ich konnte es irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Vor allem mich selbst darin nicht.
Also bin ich gegangen. Nicht dramatisch. Nicht mit Abschiedspost. Nicht mit „Ihr Lieben, ich verabschiede mich hier erst einmal in eine bewusste Offline-Zeit"-Posting, das dann 300 Kommentare bekommt und natürlich selbst noch einmal Social-Media-Content ist. Ich bin einfach raus.
Und seitdem merke ich, wie stark die Welt darauf ausgerichtet ist, dass man eben nicht raus ist. Das beginnt bei harmlosen Gesprächen und endet offenbar bei Pressediensten, die Social-Media-Accounts zur Zuverlässigkeitsprüfung nutzen. Der Witz ist: Genau diese Erfahrung bestätigt die These meines Buches besser als jede geplante Kampagne es könnte.
Social Media ist längst nicht mehr nur ein Ort, an dem wir Inhalte teilen. Es ist ein Ort, an dem wir beweisen sollen, dass wir stattfinden.
Früher Raucherraum, heute Feed
Vielleicht ist der Vergleich mit dem Rauchen genau deshalb so passend. Es gab eine Zeit, da war Rauchen überall normal. Im Restaurant. Im Büro. Im Flugzeug. In Talkshows. Auf Familienfeiern sowieso. Wer rauchte, musste nichts erklären. Wer nicht rauchte, war der schwierige Mensch am Tisch. Der Spielverderber. Die Spaßbremse. Der, der das Fenster aufmacht.
Heute ist es mit Social Media ähnlich. Alle sind dort. Also wirkt es normal. Alle machen mit. Also wirkt es vernünftig. Alle nutzen es beruflich. Also wirkt es notwendig. Und wer sagt: „Ich möchte das nicht mehr", steht plötzlich daneben und muss begründen, warum er keine Lust hat, im digitalen Raucherraum zu sitzen. Social Media ist wie Rauchen — und ohne Kippe kommst du nicht mal mehr in den Raucherraum.
Dabei wäre die viel spannendere Frage doch: Warum halten wir es eigentlich für normal, dass Menschen sich permanent öffentlich zeigen, vermessen, vergleichen und verfügbar halten sollen? Warum gilt es als professionell, ständig sichtbar zu sein? Warum vertrauen wir Profilen mehr als Impressen, Websites, Büchern, echten Veröffentlichungen oder persönlicher Korrespondenz?
Und warum wirkt ein Mensch ohne Social Media heute schneller verdächtig als ein Mensch mit perfekt kuratiertem, möglicherweise komplett inszeniertem Profil?
Das ist doch irre. Ein aktiver Account beweist wenig. Jeder kann heute ein professionell aussehendes Profil bauen. Mit KI-generiertem Bild, gekauften Followern, weichgespülten Texten, falschen Testimonials und strategischem Dauerlächeln. Das Netz ist voll von Leuten, die sehr sichtbar sind und trotzdem erstaunlich wenig Substanz mitbringen.
Umgekehrt gibt es Menschen, die kaum digitale Spuren in Plattformen hinterlassen, aber echte Arbeit machen, echte Bücher schreiben, echte Gedanken haben und echte Biografien. Trotzdem hat sich in unseren Köpfen diese Gleichung festgesetzt: Sichtbar gleich relevant. Auffindbar gleich seriös. Aktiv gleich glaubwürdig. Das ist bequem. Aber es ist dumm. Und es wird nicht klüger, nur weil alle mitmachen.
Wer nicht postet, muss beweisen, dass er existiert.
Genau diese kulturelle Verschiebung — von echter Identität hin zur Plattform-Identität — ist der Kern von Quit the Feed!. Wie wir aus dem Feed aussteigen, ohne aus der Welt zu verschwinden.
Buch lesen →Der Ausstieg ist nicht nur eine private Entscheidung
Was ich an der Sache mit EIN Presswire so interessant finde: Sie zeigt, dass der Social-Media-Ausstieg nicht nur eine persönliche Gewohnheitsfrage ist. Natürlich geht es beim Ausstieg auch um Dopamin, Routinen, Langeweile, FOMO, Vergleich, diese kleine nervöse Handbewegung zum Handy. Das alles kennt jeder. Dieses „nur kurz gucken", aus dem dann zwanzig Minuten Lebenszeit werden, die sich hinterher anfühlen wie lauwarme Pommes: irgendwie konsumiert, aber keinesfalls genährt. Wer wissen will, wo er steht, findet hier den Selbsttest für Social-Media-Sucht.
Aber der Ausstieg ist eben nicht nur innerlich schwer. Er wird auch von außen erschwert. Weil viele Systeme Social Media inzwischen voraussetzen. Für Sichtbarkeit. Für Networking. Für Reputation. Für berufliche Anschlussfähigkeit. Für Vertrauen. Und anscheinend manchmal sogar für Pressearbeit.
Das macht den Ausstieg größer, als viele denken. Man verlässt nicht nur eine App. Man verlässt eine Infrastruktur von Erwartungen. Man sagt nicht nur: Ich poste nicht mehr. Man sagt auch: Ich akzeptiere nicht mehr, dass Sichtbarkeit mit Existenz verwechselt wird.
Und genau dann wird es spannend. Denn plötzlich merkt man, wie viele Menschen, Tools, Plattformen, Medienmechanismen und Business-Ratgeber darauf gebaut sind, dass alle im System bleiben. Wer draußen ist, stört die Logik. Das ist übrigens auch der Grund, warum so viele Selbstständige am Ausstieg scheitern: Nicht am Wollen, sondern an den Ausreden, die das System ihnen freundlich nahelegt. Die häufigsten davon zerlege ich in „Ich brauche das beruflich" — und 14 weitere Lügen, die wir uns erzählen.
Vielleicht ist die Ablehnung ein Geschenk
Natürlich hätte ich mich einfach ärgern können. Habe ich auch kurz. Sehr kurz. Dann wurde es besser. Dann wurde es Material. Denn im Grunde hat mir EIN Presswire eine perfekte kleine Parabel geliefert:
Eine Autorin schreibt ein Buch über den Ausstieg aus Social Media. Sie möchte darüber eine Pressemitteilung veröffentlichen. Der internationale Pressedienst fragt nach Social Media zur Prüfung. Die Autorin hat keine Social Media, weil genau das ihr Thema ist. Der Account wird nicht freigeschaltet.
Das ist fast zu rund. Als hätte irgendein Dramaturg gesagt: „Können wir den gesellschaftlichen Kernkonflikt bitte in einer einzigen absurden Alltagssituation verdichten? Danke." Da ist er.
Wir leben in einer Welt, in der der Verzicht auf Social Media nicht einfach als konsequent gelesen wird, sondern als Lücke. Als ob etwas fehlt. Dabei fehlt vielleicht gar nichts. Vielleicht ist da endlich Platz. Platz für eine Website, die nicht alle drei Stunden gefüttert werden muss. Platz für Gedanken, die länger brauchen als einen Post. Platz für echte Recherche. Platz für ein Buch. Platz für eine Haltung, die nicht dauernd in Content übersetzt werden möchte.
Ich weiß, das klingt heute fast verdächtig. Aber vielleicht ist gerade das der Punkt. Es ist Teil derselben kulturellen Bewegung, über die ich in „Raus aus Social Media ist das neue Zuckerfrei" geschrieben habe: Abwesenheit wird langsam zum Statement.
Ich bin trotzdem echt
Also ja: Ich habe keine aktiven Social-Media-Accounts. Ich existiere trotzdem. Ich habe eine Website. Sogar mehrere. Ich habe ein Buch. Ich habe eine Plattform. Ich habe ein Impressum. Ich habe eine E-Mail-Adresse, was in diesen Zeiten ja fast schon rührend nostalgisch wirkt. Ich habe eine berufliche Geschichte, echte Projekte, echte Auftritte, echte Kund:innen, echte Texte und einen echten Namen. Ich bin nur nicht im Feed.
Und vielleicht ist genau das die Provokation. Nicht, dass ich eine Pressemitteilung veröffentlichen wollte. Nicht einmal, dass EIN Presswire meinen Account in diesem Fall nicht freigeschaltet hat. Sondern dass diese kleine Episode zeigt, wie schwer sich unsere Welt inzwischen damit tut, Menschen außerhalb der Plattformlogik ernst zu nehmen.
Wer nicht postet, muss beweisen, dass er existiert. Das ist der Satz, der hängen bleibt. Und vielleicht ist er einer der besten Gründe, genau darüber zu schreiben. Denn wenn Social Media inzwischen als Zuverlässigkeitsprüfung gilt, dann haben wir ein Problem. Nicht die Menschen ohne Accounts. Sondern die Systeme, die sich nicht mehr vorstellen können, dass Echtheit auch außerhalb ihrer Plattformen stattfindet.
Ich bin raus. Ich bin trotzdem da. Und nein, ich brauche keinen Instagram-Account, um real zu sein.
Diese Episode ist im Grunde ein Kapitel aus dem Buch, das sich von selbst geschrieben hat. Das vollständige Argument — warum Social Media zum digitalen Ausweis wurde, warum Sichtbarkeit nicht mit Existenz verwechselt werden darf und wie ein echter Ausstieg ohne sozialen Selbstmord aussieht — steht in Quit the Feed!.
Von Henriette Hochstein-Frädrich · Autorin von Quit the Feed!

