WAS WÄRE, WENN SOCIAL MEDIA WIEDER SOZIAL WÄRE?
Followerzahlen weg, öffentliche Likes privat, ein Feed mit Ende und Werbung raus aus dem Zentrum: Wie müsste ein Netzwerk aussehen, das tatsächlich wieder sozial ist?

Wir reden ständig darüber, wie schädlich Social Media geworden ist. Die naheliegende Antwort lautet: raus da. Aber eine Frage bleibt offen — was kommt eigentlich danach? Ein Gegenentwurf zu Followerwahn, Reichweitenrennen und digitalem Dauerlärm.
Suchtmechanismen, endlose Feeds, Vergleichsdruck, Hass, Desinformation, Werbung, Datenhandel — ein großer Teil des Internets sieht inzwischen aus, als hätte man einen Jahrmarkt, einen Teleshopping-Kanal und ein Casino in einen Mixer geworfen. Die Reaktion darauf ist klar: Quit the Feed. Genau dafür bin ich. Aber Menschen wollen sich trotzdem austauschen. Sie wollen wissen, was ihre Freunde machen, sich für Vereine, Künstlerinnen, Initiativen, Bands und Bücher interessieren, diskutieren und Kontakt halten.
Das Bedürfnis ist nicht das Problem. Das System drumherum ist es. Also drehen wir die Frage um: Wie müsste ein digitales Netzwerk aussehen, das tatsächlich dem dient, was sein Name verspricht? Social. Network. Zwei ziemlich gute Wörter, denen wir im Laufe der Jahre erstaunlich viel Quatsch aufgeladen haben.
FOLGEN: JA. FOLLOWERZAHLEN: VÖLLIG EGAL.
Beginnen wir mit einer der absurdesten Erfindungen des modernen Internets: der öffentlich sichtbaren Followerzahl. Du möchtest wissen, wann dein Lieblingsverein spielt? Folge ihm. Du liest gerne die Texte einer bestimmten Journalistin? Folge ihr. Du möchtest erfahren, wann das kleine Restaurant um die Ecke sein Sommerfest veranstaltet? Folge dem Account. Mehr muss eigentlich gar nicht passieren.
Warum muss daneben stehen, ob noch 427 oder 4,7 Millionen andere Menschen dasselbe tun? Diese Zahl hat aus Interesse Status gemacht. Sie sagt uns, wer angeblich relevant ist, wer groß ist, wer ernst genommen werden soll, wem Unternehmen Geld geben. Und sie hat uns beigebracht, Menschen vorab zu vermessen: Kleine Zahl — na ja. Große Zahl — wow. Als wäre Popularität ein Qualitätsnachweis.
Ist sie nicht. Ein Account mit 600 Followern kann klüger, interessanter und wertvoller sein als einer mit sechs Millionen. Ein Text kann 50 Menschen richtig treffen und damit mehr bewirken als irgendein 30-Millionen-Views-Clip, den am nächsten Morgen niemand mehr erinnert. Also: Followerzahlen weg. Du folgst jemandem, weil du diesen Menschen oder diese Organisation interessant findest. Ende der Geschichte.
REICHWEITE IST KEIN WERT AN SICH
Irgendwann haben wir uns eingeredet, groß sei automatisch gut: mehr Reichweite, mehr Sichtbarkeit, mehr Views, mehr Shares, mehr Wachstum. Noch ein Reel, noch ein Hack, noch ein Postingplan, noch irgendein Content-Coach, der dir erklärt, wie du in sieben Schritten „deine Reichweite explodieren lässt“.
Scheiß auf Reichweite. Wirklich.
Reichweite kann sinnvoll sein — wer vor einer Sturmflut warnt oder ein wichtiges gesellschaftliches Thema publik macht, hätte gern viel davon. Aber als permanenter Maßstab für menschlichen, kreativen oder beruflichen Wert ist sie kompletter Irrsinn. Wir haben Quantität zum Qualitätsersatz gemacht. Was wäre, wenn digitale Netzwerke stattdessen Resonanz fördern würden?
- Ein gutes Gespräch.
- Eine kluge Antwort.
- Ein Kontakt, aus dem tatsächlich etwas entsteht.
- Ein Gedanke, den jemand mitnimmt.
- Eine Einladung. Eine echte Begegnung.
Keiner dieser Werte braucht eine sechsstellige Zahl daneben.
LIKES DÜRFEN PRIVAT SEIN
Auch die nächste Sache ließe sich erstaunlich schnell entschärfen: öffentliche Like-Zähler. Du magst einen Beitrag? Schön. Dann drück auf das Herz. Der Mensch, der ihn veröffentlicht hat, bekommt diese Rückmeldung. Alle anderen müssen daraus keine Rangliste bauen.
Denn öffentliche Likes verändern, was wir veröffentlichen. Thema A funktioniert gut — also mehr Thema A. Foto B wird kaum beachtet — also weniger davon. Empörung C schießt durch die Decke — aha. Und schon entwickeln wir uns langsam weg von dem, was wir sagen, schreiben oder zeigen wollten, hin zu dem, was messbar gut performt. Der Algorithmus wird zum stillen Redaktionsleiter unseres Lebens. Mit privatem Feedback fällt ein großer Teil dieser Dressur weg: Du kannst Anerkennung bekommen — nur eben ohne digitale Stadionanzeige.
EIN FEED DARF IRGENDWANN FERTIG SEIN
Das wäre fast schon revolutionär: ein Ende. Du öffnest deine App und siehst die Beiträge der Menschen, Organisationen und Themen, die du bewusst abonniert hast. Chronologisch, übersichtlich, ohne dass dir eine Maschine alle zwei Sekunden etwas Neues vor die Nase hält. Keine endlosen Vorschläge, keine „Für dich“-Dauerfeueranlage, keine Videos irgendwelcher Fremden, weil du gestern drei Sekunden zu lange bei einem ähnlichen Clip hängen geblieben bist.
Du bestellst Inhalte, du bekommst Inhalte, und irgendwann kommt: Das war’s für heute. Der Feed ist leer. Alles gesehen. Leben geht weiter. Herrlich.
Dass Plattformen heute keinen natürlichen Endpunkt mehr kennen, ist kein technischer Zufall — ein Ende ist schlecht fürs Geschäft. Wer aufhört zu scrollen, sieht keine Werbung mehr. Genau deshalb braucht das jetzige System permanente Verlängerung, und genau deshalb darf dein Feed niemals leer werden. Ein gesundes Netzwerk würde dich irgendwann wieder gehen lassen.
KOMMENTARE OHNE ARENA
Kommentarspalten waren mal eine schöne Idee: Menschen tauschen sich aus, ergänzen Gedanken, widersprechen, stellen Fragen. Inzwischen sind viele davon kleine Amphitheater geworden — jemand schreibt etwas, jemand haut dagegen, der nächste legt noch einen drauf, das Publikum klatscht, Screenshots werden gemacht, der Streit wandert weiter.
Denn öffentlich diskutieren wir nicht nur miteinander, wir performen vor Zuschauern. Und Zuschauer verändern Verhalten: Der scharfe Konter bekommt Aufmerksamkeit, die Beleidigung ist unterhaltsamer als der differenzierte Einwand, die Eskalation reist weiter als die Einigung.
Darum könnte ein neues soziales Netzwerk viel stärker auf direkte Antworten setzen: Du möchtest jemandem schreiben? Schreib ihm. Du willst widersprechen? Tu es. Du willst nachfragen? Sehr gerne — persönlich. Öffentliche Diskussionsräume kann es weiterhin geben, für gesellschaftliche Themen, Fachfragen, Politik, Communities. Dann aber bewusst gestaltet, moderiert und mit Regeln. Ein öffentlicher Raum braucht schließlich auch außerhalb des Internets Regeln, sonst wird aus dem Marktplatz irgendwann eine Schlägerei.
HASS IST KEIN FEATURE
Und damit kommen wir zum Teil, bei dem Internetplattformen seit Jahren erstaunlich hilflos tun: Hate Speech, Drohungen, Rassismus, Menschenverachtung, gezielte Hetze. Das alles soll angeblich wahnsinnig kompliziert zu moderieren sein. Gleichzeitig wissen dieselben Systeme sehr präzise, welchen Turnschuh sie uns zeigen müssen, damit wir ihn mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit kaufen. Komisch.
Technologie könnte auch anders eingesetzt werden: KI könnte aggressive Eskalationen früh erkennen, strafbare Inhalte filtern, Drohungen stoppen, Nutzer schützen, Wiederholungstäter konsequent ausschließen. Natürlich braucht das saubere Regeln, Transparenz, Einspruchsmöglichkeiten und menschliche Kontrolle. Und ja, Meinungsfreiheit bedeutet ausdrücklich, dass wir uns gegenseitig widersprechen dürfen — Kritik darf hart sein, Satire darf wehtun, Meinungen dürfen nerven. Aber Menschen zu bedrohen, zu entmenschlichen oder systematisch fertigzumachen gehört zu keinem funktionierenden sozialen Raum. Offline nennen wir das ziemlich selbstverständlich Grenzen. Online tun wir seit Jahren so, als sei Benehmen ein Eingriff in die Freiheit.
DER ENTSCHEIDENDE PUNKT: WERBUNG RAUS
Jetzt kommen wir an den Kern, denn all diese toxischen Mechanismen hängen zusammen: Die Plattform will Geld verdienen. Dafür braucht sie Werbeeinnahmen. Für Werbeeinnahmen braucht sie Aufmerksamkeit. Für viel Aufmerksamkeit braucht sie lange Nutzungszeiten. Und für lange Nutzungszeiten braucht sie Reize: Drama, Neugier, Vergleich, Belohnung, Empörung, Endlosigkeit.
Das heutige Social Media ist kein schlechter Zufall. Es funktioniert ziemlich genau so, wie sein Geschäftsmodell es verlangt — die ganze Rechnung dahinter steht in „15 Lügen, die wir uns erzählen“.
Wer also ein anderes Netzwerk will, muss über ein anderes Geschäftsmodell sprechen. Ein soziales Netzwerk könnte Geld kosten — drei, fünf, zehn Euro. Es könnte genossenschaftlich organisiert sein, gemeinnützig, Mitgliedern gehören, Teil einer öffentlichen digitalen Infrastruktur. Es gibt zig denkbare Modelle. Hauptsache, der Mensch muss nicht mehr möglichst lange festgehalten werden, damit sich sein Aufenthalt finanziell lohnt. Denn solange Aufmerksamkeit verkauft wird, wird Aufmerksamkeit auch manipuliert.
UNTERNEHMEN DÜRFEN INFORMIEREN. NUR BITTE NICHT STALKEN.
Natürlich brauchen auch Unternehmen digitale Kanäle: Ein Café darf mitteilen, dass es morgen geschlossen hat, ein Verlag stellt sein neues Buch vor, ein Verein veröffentlicht Ergebnisse, eine Band kündigt Konzerte an, eine Stadt informiert über Baustellen. Perfekt. Wer sich dafür interessiert, abonniert den Account und bekommt die Information. Diese wunderbar altmodische Logik lautet: Ich möchte etwas von dir hören, also höre ich dir zu.
Was wir nicht brauchen, ist der andere Weg: Du hast mich nie abonniert, aber irgendein Werbesystem hat errechnet, dass ich statistisch gut in deine Zielgruppe passe, also tauchst du jetzt 17-mal pro Woche zwischen den Inhalten meiner Freunde auf. Genau hier kippt Information in Manipulation. Ein echtes Netzwerk würde Beziehungen respektieren — auch digitale.
UND WAS WIRD AUS INFLUENCERN?
Eine interessante Frage. Nehmen wir Followerzahlen weg, öffentliche Likes weg, Reichweitenrankings weg, Werbung weitgehend weg, algorithmische Bevorzugung weg. Was bleibt dann vom Influencer? Im besten Fall: ein interessanter Mensch. Jemand kocht großartig, jemand erklärt Physik fantastisch, jemand macht wunderbare Musik, jemand hat Ahnung von Politik, jemand bringt mich zum Lachen. Großartig — dann möchte ich dieser Person folgen. Genau dafür sind Netzwerke da.
Nur verliert die reine Bekanntheit ihren Selbstzweck. Niemand ist mehr wichtig, weil viele Menschen sehen können, dass viele Menschen ihn wichtig finden. Das klingt banal — wäre aber ein massiver Kulturwandel. Wie sich ein Leben ohne dieses Publikum tatsächlich anfühlt, habe ich in „Das Glück, das niemand gesehen hat“ beschrieben.
KLEIN KÖNNTE WIEDER WERTVOLL WERDEN
Das Internet hat uns beigebracht, global zu denken: Milliarden Nutzer, Millionen Views, Hunderttausende Follower. Dabei funktionieren Menschen seit jeher auch wunderbar in kleinen Gruppen — der Sportverein, die Nachbarschaft, das berufliche Netzwerk, die Eltern einer Schule, die Menschen mit demselben Hobby, eine lokale Initiative, ein Buchclub. Genau dort könnte ein soziales Netzwerk wieder seine eigentliche Stärke ausspielen: Menschen finden sich, tauschen Wissen aus, helfen sich, verabreden sich, bauen Beziehungen. Und danach gehen sie wieder nach Hause.
Keine globale Bühne nötig, keine Content-Maschine, kein täglicher Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Ein Netzwerk darf klein sein. Es darf sogar langweilig sein. Eine Bibliothek ist auch langweiliger als Las Vegas — trotzdem zweifelt niemand daran, welcher Ort für das Gehirn vermutlich nachhaltiger ist.
QUIT THE FEED! — Der Ausstieg als Anfang
Raus aus dem Feed ist der erste Schritt. Das Buch zeigt, wie der Ausstieg gelingt — und warum danach nicht Leere wartet, sondern ein Leben, das wieder dir gehört.
Buch lesen →WIR BRAUCHEN KEIN INTERNET OHNE MENSCHEN. WIR BRAUCHEN EINES OHNE CASINO.
Darum geht es am Ende. Der Wunsch nach digitaler Verbindung ist kein Fehler, und wir müssen auch nicht zurück in irgendeine romantisierte Vor-Smartphone-Zeit. Digitale Kommunikation kann unglaublich nützlich, schön und verbindend sein. Wir haben nur über Jahre zwei völlig verschiedene Dinge miteinander verwechselt: Vernetzung und Aufmerksamkeitsökonomie. Das eine brauchen wir. Das andere frisst uns auf.
Ein zukünftiges soziales Netzwerk könnte deshalb erstaunlich unspektakulär aussehen: Du folgst Menschen, die dich interessieren. Du bekommst ihre Neuigkeiten. Du kannst ihnen schreiben. Du findest Gruppen. Du lernst Menschen kennen. Du bleibst informiert. Und dann machst du die App wieder zu.
Kein Popularitätsranking. Kein permanenter Applaus. Kein Reichweitenrennen. Kein digitaler Jahrmarkt. Keine Maschine, die alles dafür tut, dass du noch fünf Minuten bleibst.
Mehr Verbindung. Weniger Publikum.
Mehr Austausch. Weniger Performance.
Mehr Netzwerk. Weniger Media.
Und auf einmal klingt die Zukunft des Internets gar nicht besonders futuristisch. Eigentlich klingt sie ziemlich menschlich.
Von Henriette Hochstein-Frädrich · Autorin von Quit the Feed!

